Es ist 35 Grad warm, ich habe mich ein paar Stunden an den gefühlt noch wärmeren PCs gequält. Home Office ist im Sommer echt kein Spaß. Nun sitze ich auf dem Sofa, verschiebe das letzte Telefonat auf Morgen und denke über mein Leben nach. Genauer gesagt über mein Studium, und das was daraus geworden ist.
Ich bin gerade wieder mal in einer Bewerbungsphase, dadurch werde ich immer nochmal nachdenklicher. Von allen Personalern werde ich ausgequetscht warum ich nun nicht meine Fächerwahl als Beruf ausübe.
Ich muss beim Grübeln gerade schmunzeln. Aber meine lieben Personaler, das mache ich doch!
Ich habe Geschichte studiert. Erst über Russland, über Putin und seine Politik. Ich habe dabei viel über Tradition und Macht gelernt, über die Bedeutung von Identität für eine Gesellschaft. Später habe ich mich dann mit dem Thema Genozid auseinander gesetzt. Die dunkle Seite der Identitätsstiftung. Völkermord wird immer als Mittel gebraucht um einen Feind zu konstruieren, der die eigene Identität reflektiert, im Grunde auch erst Staatsidentität konstruiert um der staatlichen Kampfkraft einen Sinn zu geben. Heruntergebrochen kann gesagt werden, dass es kein "Wir" gibt, wenn es nicht auch "die Anderen" gibt.
Am Ende meines Studiums begann ich dann über die Wurzeln von Nationalität und Stattlichkeit, Bürgertum und den Beginn der Demokratie zu forschen.
Das Thema Identitätskonstruktionen ist auch hierbei ein entscheidendes Thema. Wenn ich einen Doktor hätte machen wollen, dann vermutlich in diesem Bereich, der heute auch wieder so aktuell ist.
Unbewusst zog es sich durch mein ganzes Studium, und nun sitze ich hier und arbeite im Bereich Social Media Marketing.
Wie ironisch, nun bin ich die Person, die Identitäten verkauft. Erzähle Geschichten und male Visionen, damit Menschen sich mit Marken identifizieren können, ein Teil davon sein wollen.
Mein Studium hat mich gelehrt wie wichtig Identität ist, und wie sie funktioniert.
Irgendwie hatte das alles also schon einen Sinn. Ein Philosoph würde sagen, dass ich im Kapitalismus, wo Marken Geschichte als identäre Kraft abgelöst haben, im Social Media Marketing an der richtigen Stelle bin.
Aber wie soll ich das bitte in einem Vorstellungsgespräch in einem Satz erklären und ohne zynisch zu wirken?
So komplexe Dinge will doch keiner hören.
Ich geh ein Eis essen.
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