Monday, November 7, 2016

Das Kopftuch

Ich diskutiere gerade mit einer Freundin über das Kopftuch tragen. Anlass ist der gestrige Tatort. Ich habe den Tatort nicht gesehen, aber ich verfolge die Diskussionen über das Kopftuch im Islam schon lange.
Ich selbst bin eher Atheist. Diskutiere also nicht aus persönlichem Interesse, sondern aus anthropologischem Denken heraus.

Meine Freundin erzählte, dass ihr Vater sich beim Tatort und der anschließenden Diskussion immer wieder über die Menschen mit islamischen Glauben aufgeregt hat. Da ich die Diskussion nicht gesehen habe kann ich nicht viel dazu sagen.
Diskutabel bleibt mir aber ihre Aussage, dass sie aber auch Menschen kennt, die Kopftücher tragen und ganz liebe Menschen sind.

Das ist eine Aussage, die symptomatisch für die Wahrnehmung in unserer Gesellschaft ist, und auch für die Auseinandersetzung mit dem Thema Islam:
Wieso kommt denn irgendwer auf die Idee, dass ein Kopftuch dazu führt, dass Menschen irgendwie weltfremd oder nicht liebenswert sind? Wieso muss das überhaupt betont werden?
Nur weil es Menschen gibt, die auch ein Kopftuch tragen und das auch durch den Glauben an den Islam tun, und dabei noch Taten verüben, die gegen jedes Lebensprinzip verstoßen, heißt das doch nicht, dass alle kopftuchtragenden Muslima menschenverachtende Wesen sind. Und nur weil eine Person mit Kopftuch, oder gar mit Niqab in der Öffentlichkeit weltfremde Ansichten vertritt, heißt das doch nicht, dass alle Leute mit Kopftuch oder Niqab so denken.

Die Psyche des Menschen ist zu komplex um von einem Glaubensaspekt auf eine komplette Weltsicht zu schließen.

Es wird bei diesem Thema immer darüber diskutiert, ob eine Frau, die sich verschleiert, sich nicht selber verleugnet, also nicht zur Freiheit, Demokratie und Emanzipation steht. Darüber geht die Diskussion um das Kopftuchverbot.
Letzten Endes mag es Frauen geben, die aus Demut ihrer religiösen Familie gegenüber ein Kopftuch tragen. Oder weil sie aus welchen Ursachen auch immer radikale Ansichten vertreten und das symbolisieren wollen.
Aber es gibt auch viele Frauen, die ein Kopftuch tragen, weil sie es eher kulturell bedingt als angenehm empfinden sich hinter einem Kopftuch ein Stück verstecken zu dürfen. Darf es nicht auch angenehm sein, sich nicht jeden Tag damit auseinandersetzen zu müssen wie andere Menschen unsere Haarfrisur bewerten, ob uns andere Menschen attraktiv finden, wie wir gestylt sind?
Ein Kopftuch ablegen bedeutet auch irgendwo sich diesem Wertesystem unterordnen zu müssen, sich dem sozialen Druck unserer Styling-Gesellschaft zu stellen. Das kann eine Belastung sein und ist mal ganz unabhängig von dem Glauben mit dem dieser Kult entstanden ist.

Ich kenne viele Frauen, die nicht ungeschminkt aus dem Haus gehen aus den oben genannten Gründen: Sie wollen gerne eine Maske anziehen, sie wollen nicht für jede Hautunebenheit bewertet werden, tragen lieber gerne eine perfekte Maske von L'oreal und Niveau. Sie verbringen Stunden damit diese Maske zu perfektionieren, um dem Bewertungssystem in der Öffentlichkeit stand zu halten.

Viel wichtiger ist es also zu fragen, warum Frauen ein Kopftuch tragen.
Ist es religiöser Eifer, Ablehnung der westlichen Kultur, eine kulturelle Prägung oder eine individuelle Empfindlichkeit?

Es mag sein, dass viele Frauen religiösen Glaubens mit einer eher devoten Geisteshaltung aufgewachsen sind. Das ist aber bei vielen Religionen der Fall. Religionen haben oft ein Wertesystem, das zur Demut ermutigt. Das mag der eine Aspekt der Diskussion sein. Aber ist es die Aufgabe der Gesellschaft in das private Leben, in die Psyche einer einzelnen Person einzugreifen? Wo bleibt da die Freiheit des Individuums? Warum diskutieren wir über die Unantastbarkeit der Person beim Datenschutz, aber nicht beim Kopftuch tragen?

Es liegt an der Betrachtungsweise. Es sollen Werte durch Werte ersetzt werden, weil die Werte des Islams als verfassungsschädigend gelten. Dann stellt sich aber die Frage, ist das Kopftuch verfassungsschädigend.
Kann eine Kopfbedeckung einer Gesellschaft schaden? Wohl eher nein. Hier wird etwas instrumentalisiert um politisch zu polarisieren. Islam ist nicht Islam und Kopftuch tragen ist nicht gleich religiöser Eifer. Auch das Tragen des Niqab kann zwar religiös motiviert sein, muss aber nicht in letzter Konsequenz bei jeder Person radikales Denken als Ursache haben.
Bei manchen Frisuren wünscht man sich dann auch eher, dass Kopftücher gängiger wären.

Und dürfen wir uns erdreisten ein Urteil über die Gründe eines jeden Individuums zu leisten, warum die Person es schöner findet sich dem kulturellen Tragen eines Kopftuches unterzuordnen.
Wo ist der tatsächliche Unterschied zum Tragen von Schminke? Ist Konsum und Mode nicht auch irgendwie eine religiöse Ansicht mit Werten?
Wollen wir jetzt auch Schminke denunzieren? Und Schmuck mit Statement, egal ob religiös oder kulturell? Es wäre mit denselben Gründen möglich: Zeige deinen Glauben nicht nach außen, emanzipiere dich und passe dich der öffentlichen Mode an.
Ich denke nicht, dass es unserer Gesellschaft hilft in Toleranz miteinander umzugehen. Erst die Konfrontation mit anderen Werten macht das Fremde weniger fremd.

Und auch die Emanzipation, egal in welcher Art und Weise, bleibt irgendwo Privatsache. Wir sollten uns erst einmal bewusst machen was das Tragen eines Kopftuches tatsächlich für die einzelne Person bedeutet, wie es sich anfühlt sich entschleiern zu müssen. Respekt für die Empfindung des Anderen, das ist ein Grundsatz der viel zu wenig gelebt wird.
Ich möchte auch nicht dazu gezwungen werden nackt baden gehen zu müssen, weil die Mehrheit der Gesellschaft das als kulturell notwendig und für die Emanzipation wichtig empfindet. Ich möchte zum individuellen Ausdruck meiner Person jedes Statement tragen dürfen, und ich möchte die Freiheit haben mich eben nicht der Mode anpassen zu müssen. Meinetwegen trage ich morgen halt Kopftuch und Karottenhose und ein paar Jahre später wechsel ich die Konfession und trage ein Kreuz und am Ende meines Lebens fühle ich mich so frei mit Hippies nackt baden zu gehen. Darin liegt Demokratie und die Freiheit des Individuums.

Unsere Gesellschaft bewertet aktuell viel zu viel. Überall wird aus Angst die eigene Identität zu verlieren eine Wertung abgegeben. Wir sollten jeden Menschen einzeln anschauen lernen, bevor wir Klassifizieren und in Schubladen stecken. Grundsätzlich haben alle Menschen irgendwo liebe Aspekte, egal ob mit Turban, Kopftuch oder Pimp-My-Ride-Anhänger.